Wenn Dieter Gorny Kochbücher verkaufen würde

Gestern habe ich in einem Tweet folgendes geschrieben:

#ACTA-Horrorvision: Bauern, die eigenes Saatgut herstellen, gelten als Raubkopierer.

Und sofort habe ich mich gefragt, ob das nicht zu optimistisch gedacht ist. Eigentlich haben wir das Problem schon längst.

@drseltsam hat auch gleich die Antwort geliefert:

@order_by_rand Warum Vision? Das ist doch längst schon so. Siehe: http://www.bigbrotherawards.de/2005/.com #realität

Ja, für Saatgut gibt es befristete Lizenzen. Die Kartoffelsorte „Linda“ kann der Landwirt zwar selbst vermehren, aber er muss einer „Saatgut-Treuhand“ melden, dass er Linda anpflanzt und dafür Lizenzgebühren bezahlen. Vertreter der Treuhand prüfen verdeckt, ob jemand heimlich Linda anbaut.

Für meine Lauchkartoffeln brauche ich keine weiteren Lizenzgebühren zu zahlen. Das ist mit dem Kauf der 2,5kg-Tüte Linda schon abgedeckt.

Aber wie sieht es mit dem Rezept aus? Kann ich als Autor des Rezepts nun von allen Leuten, die dieses Gericht kochen, Lizenzgebühren fordern?

Ich versuche einfach mal, mich in die Rolle eines erfolgreichen Kochbuchverlags-Vorstandsvorsitzenden hineinzuversetzen, der auch Chef des Kochbuchverleger-Zentralverbands (KoZ) ist:

Seit vielen Jahrzehnten läuft das Geschäft mehr oder weniger gut. Rezepte werden von Autoren verfasst und von Verlagen gedruckt und über den Buchhandel verkauft.
Mit der zunehmenden Popularität des Internets hält eine Kostenlos-Kultur Einzug, unter der die Kochbuchverlage finanziell stark zu leiden haben. Außerdem werden Kochrezepte immer öfter handschriftlich, mündlich und per E-Mail ausgetauscht. Eigene Berechnungen haben ergeben, dass dadurch jährliche Umsatzausfälle in Milliardenhöhe entstehen.
Daher fordere ich von der Politik, dass endlich das Urheberrecht deutlich verschärft wird. Nicht nur das gedruckte Rezept, nein, auch das mündlich überlieferte muss ganz klar von einem Leistungsschutzrecht gedeckt werden. Andernfalls ist der Bestand der Branche akut gefährdet und tausende von Arbeitsplätzen könnten unwiederbringlich verschwinden.

Deshalb schlage ich folgende Maßnahmen gegen die Rezeptpiraterie vor:

  • Das Urheberrecht auf Rezepte wird auf die Zutaten angewendet, nicht nur auf die Art der Zubereitung. Somit ist jedes Rezept, das die gleichen Zutaten wie ein Rezept aus dem Kochbuch verwendet, als unzulässiges Teilplagiat zu werten und rechtlich zu verfolgen.
  • Ein erworbenes Rezept wird nur für die Verwendung mit einem Herd ausgestellt. Somit muss in jedes Kochbuch die Seriennummer des Herdes eingetragen werden. Bei Verwendung mit einem anderen Herd muss eine zusätzliche Lizenzgebühr bezahlt werden.
  • Wird ein Rezept gewerblich verwendet, z.B. in einem Restaurant, so ist bei jeder Anwendung des Rezeptes eine Lizenzgebühr zu entrichten. Die Kassensysteme werden mit einer verplompten Zähleinrichtung versehen, die ihre Ergebnisse automatisch an einen Zentralrechner der KoZ sendet.
  • Die handschriftliche Weitergabe von Kochrezepten muss vollständig verboten werden. Zur Überwachung des Verbotes werden unangemeldete Kontrollbesuche durchgeführt, wenn Gäste private Familienfeiern verlassen, bei denen nach Rezept gekochtes Essen serviert wurde. Leibesvisitationen dürfen dabei in jedem Fall bei allen Gästen durchgeführt werden.
  • Auf Webseiten dürfen nur Rezepte veröffentlich werden, für die vorher eine Vervielfältigungslizenz erteilt worden ist. Die Höhe der Gebühren für diese Lizenz richtet sich nach der Reichweite der Website, also nach den Besucherzahlen, und muss monatlich neu ermittelt werden.
  • Die Anbieter von E-Mail-Konten müssen gesetzlich verpflichtet werden, E-Mails auf kopierte Rezepte zu prüfen und im Falle mehrmaliger Verstöße gegen Urheberrechte das E-Mail-Konto des Rechteverletzers zu sperren.
  • Innerhalb von Haushalten mit mehreren Personen kann ein Rezept immer nur für eine Person lizenziert werden. Weitere Personen, die entsprechende Rezepte umsetzen möchten, müssen zusätzliche Lizenzgebühren zahlen.
  • Rezepte in Kochbüchern werden mit gezielt eingebauten Fehlern bei Mengen- und Zeitangaben versehen, um Plagiate zuverlässig identifizieren zu können.
  • Bei Verstößen gegen die genannten Regelungen müssen harte Strafen verhängt werden. Neben Bußgeldern und Verwarnungen muss es auch die Möglichkeit geben, den Herd des Rechteverletzers abzuklemmen oder die Küche vollständig zu versiegeln.
  • Für den Rechteschutz bei mündlich überlieferten Rezepten ist eine Schutzgebühr auf Lebensmittel, Küchengeräte und Geschirr zu erheben. Diese ist an eine Verwertungsgesellschaft abzuführen, welche dann die Verteilung auf die Kochbuchverlage abwickelt.

Gut, dass Herr Gorny keine Kochbücher verkauft. Seine Ideen zur Lage der Musikindustrie sind unter anderem bei Gulli nachzulesen: Schuld ist die Kostenloskultur
Mein Rat an die Vertreter der Musikindustrie lautet aber:
Hört auf, die Suppe, die Ihr verkaufen wollt, selbst zu versalzen. Serviert doch lieber ein paar appetitliche Häppchen, um Euren Gästen den Kauf des Hauptmenüs schmackhaft zu machen.

Mahlzeit!

Update: Zur Abwechslung gibt es auch mal eine andere Sichtweise zum Thema „Geistiges Eigentum“.  Mehr dazu bei netzpolitik.org: Die falsche Rede vom Diebstahl

Und für meine Leser gilt: Auch Eure Ideen setze ich gerne in garantiert DRM-freie und kostenlos kopierbare Schnellrezepte um. Schreibt mir einfach, was Ihr noch im Schrank habt.