Die wirklich idiotensichere Bedienungsanleitung

Als Übersetzer habe ich meistens mit technischen Texten zu tun, also Bedienungsanleitungen, Funktionsbeschreibungen, Katalogtexten und technischen Spezifikationen.

Natürlich habe ich mich besonders gefreut, als ich einen Auftrag für die Übersetzung einer Bedienungsanleitung für ein Küchengerät bekam. Wie bei vielen derartigen Anleitungen befanden sich auch einige Rezepte in der Anleitung. Prima, dachte ich, da kann ich doch Beruf und Leidenschaft endlich mal miteinander verbinden.

Das beschriebene Gerät dient zum Zerkleinern von Obst und Gemüse und stammt aus amerikanischer Produktion, die Anleitung sollte also von Englisch nach Deutsch übersetzt werden. Kein Problem, da hatte ich schon deutlich anspruchsvollere Jobs auf dem Tisch.

Die grundlegende Bedienung war auch schnell beschrieben. Wie wird das Gerät ein- und ausgeschaltet, wo befindet sich die Buchse für das Netzkabel, wie wird die Maschine gereinigt usw. Zwei Seiten mit ein paar Bildern, easy. Aber die Anleitung ist sechzig Seiten stark. Vielleicht gibt es ja viele tolle Rezepte und ich kann mir ein paar neue Anregungen für meine Menügestaltung holen.

Dritte Seite: Zerkleinern von Gemüse. Zerschneiden Sie das Gemüse mit einem Messer, öffnen Sie den Deckel des Gerätes, geben Sie das Gemüse in den Einfülltrichter und schalten Sie das Gerät ein. So die kurze Zusammenfassung der Arbeitsanweisung. OK, begriffen.

Vierte Seite: Zerkleinern von Karotten. Zerschneiden Sie die Karotten mit einem Messer, öffnen Sie den Deckel des Gerätes, geben Sie die Karotten in den Einfülltrichter und schalten Sie das Gerät ein. Gut, kein Problem. Karotten sind wohl ganz gewöhnliches Gemüse, also keine Neuigkeiten.

Fünfte Seite: Zerkleinern von Zucchini. Zerschneiden Sie die Zucchini mit einem Messer, öffnen Sie den Deckel des Gerätes, geben Sie die Zucchini

Ich traue mich kaum, die nächste Seite anzuschauen. Fieberhaft überlege ich, welche raffinierten Tricks man wohl anwenden muss, um etwa Sellerie oder Kartoffeln zu zerkleinern. Intuitiv würde ich ja einfach alles mit dem Messer … naja, aber so einfach kann es doch nicht sein, oder?

Sechste Seite: Zerkleinern von Kohlrabi – na, welche Überraschung! Ob ich die nächsten zwanzig Seiten per Copy & Paste und mit Suchen und Ersetzen abarbeiten kann? Leicht verdientes Geld.

Nein, ganz so einfach ist es doch nicht. Jeder Text ist geringfügig anders aufgebaut, manchmal muss das Gemüse vorher geschält werden oder es passt am Stück in die Einfüllöffnung oder eine andere Kleinigkeit ist anders als beim vorherigen Text.

Also doch Handarbeit. Schnell eine große Kanne Kaffee kochen, Gehirn auf Notbetrieb umschalten und stur die einzelnen Arbeitsanweisungen übersetzen.

Nach der zweiten Kanne Kaffee endlich ein Lichtblick. Die Gemüseabteilung ist vorbei! Jetzt wird alles gut.

Seite 31: Zerkleinern von Obst. Zerschneiden Sie das Obst mit … seufz. Mehr Kaffee. Und Kekse dazu.
Nach der Ananas und den Birnen brauche ich einen ausgedehnten Spaziergang. Zum Glück ist es Winter und die Obstbäume tragen keine Früchte. Ich hasse Obst. Und Gemüse auch.

Irgendwann ist auch dieser Abschnitt fertig übersetzt und kontrolliert, alle Kommas an der richtigen Stelle und die Schrift wie im Original formatiert. Ich experimentiere noch mit verschiedenen Schriftarten, probiere Blocksatz aus, stelle den automatischen Randausgleich und die Silbentrennung neu ein, schreibe mir ein neues Kopiermakro, ergänze das Wörterbuch für die Rechtschreibkorrektur, stelle eine neue Menüleiste zusammen, mit der die Arbeit zukünftig bestimmt zehn mal so schnell von der Hand geht. Aber es hilft nichts, das Ding muss morgen raus und es ist schon spät.

Nächstes Kapitel: Zubereitung von Säften. Apfel-Möhrensaft. Schneiden Sie Äpfel und Möhren mit dem Messer in Stücke … Hilfeeee! Ich will hier raus!

Nachdem sämtliche Obst- und Gemüsekombinationen zu Saft verarbeitet sind, freue ich mich sehr auf das Kapitel mit den Rezepten.

Erstes Rezept: Rote-Beete-Püree. Würg. Na gut, ich soll das ja nicht essen sondern übersetzen. Schneiden Sie die Rote Beete mit dem Messer in … Nicht! Schon! Wieder!

Na gut, ich breche das an dieser Stelle ab. Es wurde nicht besser. Auch Weizengras-Mus mit Knoblauch und Dinkelmatsch mit Tofu konnten mich kulinarisch nicht überzeugen. Letzte Hoffung: Es geht hier um die Herstellung von Tierfutter, schnell noch mal das Deckblatt der Anleitung lesen. Nein, das ist alles ernst gemeint, das ist eine Küchenmaschine für die Zubereitung von „leckerer Biokost“. Nichts gegen Bio, aber diese endlose Fülle von Geschmacksnervenfolter ist nicht mein Ding. Und ich werde mir diese 1000 Euro teure Maschine trotz ihres leistungsfähigen 2,5 kW-Motors nicht kaufen. Und mich zukünftig nur noch von Tiefkühlpizza ernähren. Aus Protest.

P.S.: Beim nächsten Übersetzungsauftrag ging es dann um hochkomplizierte Audiofilter mit DSP-Schaltkreisen und Laufzeitoptimierung von Schallverzögerungssystemen. Danach ging es mir schon viel besser.